Die Geburt meines Engels

Nach über 8 Monaten habe ich nun den Mut gefunden, zu schreiben, wie ich die Geburt meines Engels erlebte, nicht nur flüchtig. Das Buch : „Leise wie ein Schmetterling“, hat mir den Anstoß gegeben, denn es ist wichtig für den Trauerprozess und auch für andere Frauen, die den Mut, über ihr verlorenes Glück zu sprechen, nicht gefunden haben.
Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen schrecklichen Tag und erlebe ihn in Gedanken immer wieder aufs Neue. Man kann das Erlebte nicht vergessen, aber versuchen damit umzugehen, auch wenn es seine Zeit dauern wird …
Es war der 04.12.2009, ein eigentlich ganz normaler Tag, ich freute mich auf meinen Arzttermin, denn heute würde ich mein größtes Glück wiedersehen dürfen. Ich hatte sehr früh einen Termin und machte mich schnell fertig, fröhlich und ausgelassen kam ich in der Praxis an und nahm Platz. Nach einer gefühlten Ewigkeit bat mich meine Ärztin herein, sie freute sich und auch ich war happy. Nachdem wir über mein Wohlbefinden der letzten Tage sprachen ging es auf den Untersuchungsstuhl. Noch nie starrte ich so gebannt auf einen Monitor und dann sah ich Dich, meine Augen strahlten.
Meine Ärztin nahm Deine Maße, die zugeben sehr klein waren, aber man konnte Dich deutlich erkennen und auch so gab es keine Beanstandungen. Was uns beide überzeugte, war Dein Herzschlag ! Es blubberte so fleißig und ich hätte stundenlang zu schauen können, ich liebte Dich schon jetzt, egal wie klein Du noch warst.
 Sie gratulierte mir, endlich ! Ihre Worte habe ich noch immer im Ohr : „So, Fr.K., dann sehen wir uns am 23.12.2009 wieder und dann bekommen Sie auch ihren Mutterpass.“, das Wort Mutterpass, es war so unreal und doch so schön. Wir errechneten schon einmal Dein Entbindungstermin und kamen zu dem Entschluss, dass es der 22.7.2010 werden würde. Ich verließ, mit einem Bild in meiner Hand, überglücklich die Praxis. Ich tippte eifrig eine sms an meinen Mann : „Alles ok, muss am 23.12 wieder hin, bis nachher, ich liebe Dich“. Sofort ging ich zu Schlecker und kaufte mir eine Schwangerschaftslotion, viel zu früh, aber ich hatte das Gefühl, ich muss mir etwas kaufen, für das kleine Wunder in meinem Bauch J ! Ich weiß noch, wie stolz ich an der Kasse stand und eigentlich nur gewartet habe, das man mich fragt …
Als ich wieder zu Hause war legte ich das Bild auf den Tisch und schaute es einfach nur liebevoll an, ich sprach mit Dir und streichelte Dich. Ich malte mir die schönsten Bilder aus und sah mich schon in Babyläden rumrennen. Ich fühlte mich so unbeschreiblich, endlich ging es mir gut, viele Sorgen waren verflogen, alles ergab einen Sinn !
So vergingen die Stunden …
Nach einer Weile merkte ich, das irgendwas anders ist und ich legte mich hin. Es begann mit leichten Schmerzen, die eher an die „Tage“ erinnern, aber ich dachte mir, es sind die Mutterbänder, die sich dehnen. Doch die Schmerzen wurden schlimmer und sehr schmerzhaft. Ich krampfte richtig zusammen. Ich versuchte zu schlafen, was mir nur kurz gelang, denn dann musste ich auf die Toilette. Dort sah ich dann, das ich leicht blutete … Nun kam doch große Angst in mir auf und ich rief meine Ärztin an. Sie erklärte mir, das leichte Blutungen nach einer Untersuchung nicht ungewöhnlich sind und ich mich schonen sollte. Sollten sie wiedererwarten stärker werden, solle ich ins Krankenhaus gehen.
Wie sehr hoffte ich, das alles wieder gut werden würde …
Doch die Schmerzen blieben, meine Beine wurden wie Pudding und auch mein Kreislauf begann zu spinnen. Was passiert hier ? Wieder einmal musste ich auf die Toilette und dann sah ich das ganze Blut, es war viel ! Augenblicklich viel meine Welt in Trümmer und ich rief meinen Mann an, meine Worte waren : „Ich bin‘s, Du musst sofort kommen, ich blute, wir müssen ins Krankenhaus !“. Zu mehr war ich nicht mehr im Stande…ich holte meine Tasche und lief auf und ab, ich war nervös, ich war voller Sorge um mein Kind …
Ich ging meinem Mann entgegen, endlich kam er und wir gingen sofort zum Krankenhaus. Dort schickte man mich in die Gynabteilung und ich nahm Platz. Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, kam die Ärztin. Sie nahm mich ins Untersuchungszimmer und fragte kurz nach, ich erklärte ihr, dass ich in der 7 Woche schwanger bin und starke, schmerzhafte Blutungen habe. Ihre Worte : „Dann wollen wir mal schauen, ob wir NOCH was sehen.“. Mir war die Sache so unangenehm, denn ich blutete stark und wollte mich eigentlich nicht untersuchen lassen, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Als ich dann auf dem Stuhl saß, merkte ich immer wieder Kontraktionen in meinem Körper, begleitet mit ziehendem Schmerz. Ich war den Tränen nah, ich fühlte mich so schrecklich…
Als die Ärztin ihre kalten Metallinstrumente einführte, spürte ich einen letzten Ruck durch meinen Körper gehen … dieses Gefühl, werde ich mein Leben lang  nicht vergessen, denn das war der Moment wo mein Kind, ein Engel wurde !
Die Ärztin rückte ein Stück zurück mit ihrem Stuhl, denn ich verlor in diesem Moment viel Blut, sie sagte : „Mhmm, ich glaube das wars dann wohl.“. Ich schaute sie an, unfähig zu antworten. Sie sprach über mein Kind …
Sie machte einen Ultraschall und stellte fest das mein Engel gegangen ist. Sie sagte mir, ich solle den Monitor zu mir drehen und ich sah rauf … doch ich sah nichts mehr ! Heute früh schlug noch Dein Herz und nun … und nun bist Du gegangen, mein Kind !
Sie gab mir eine dicke Binde und sagte : „Vorsichtig beim runterkommen, da ist überall Blut. Sie können „ES“ sich gerne anschauen !“, ich schaute sie entsetzt an und sie zeigte auf den Eimer … Da lagst Du, mein Schatz, aber ich konnte und wollte nicht sehen. Du warst noch so klein und überall dieses Blut … es tut mir leid, mein Engel !
Wir gingen ins Nachbarzimmer und sie machte Zettel fertig. Ich wusste nicht was los war, es war alles fremd für mich und außerdem habe ich grade mein Kind verloren.
„Sie bleiben hier, bis morgen, ich denke das es besser so ist, wir machen Kürettage, denn es sind noch Reste drinnen, Sie haben ja die weißen Flecken gesehen.“, ich fragte nach, was das alles bedeutet und bekam zu hören : „Ich erkläre Ihnen das gleich, ja !“. Dann zeigte sie mir, was gleich gemacht werden würde, holte die Narkoseärztin und entließ mich vorerst. Ich durfte für 2 Stunden nach Hause und musste dann wiederkommen, zur Ausschabung !
 
 Die Op
Gegen 18 Uhr bin ich wieder ins Krankenhaus, mein Mann begleitete mich. Ich hatte eine kleine Tasche bei, mit Wechselsachen, einem Buch und meinem Handy. Ich betrat mein Zimmer, ich war alleine. Keiner war da. War es besser so ? Ich weiß es bis heute nicht. Ich schaute in den kleinen Fernseher und aus dem Fenster, ich war in Gedanken versunken, ich dachte an Dich mein Engel !
Ich zog meine Opkleidung an…
Gegen 20 Uhr kam endlich wieder jemand in mein Zimmer : „Fr.K. es geht jetzt los, wir bringen sie in den Opsaal.“. Keine großen Worte, keine Worte des Trostes. Man schob mich in meinem großen Bett richtig Op. An meinem Fußende lag mein Kind, in einem kleinem Glas, nur wusste ich das nicht gleich, sondern erst, als die Schwester einem Mann das Glas in die Hand drückte und sagte : „Das ist das abgegangene GEWEBE !“. So spricht man also von einem kleinem Leben. Doch ich blieb still. Mit erschrecken viel der Schwester ein, ich habe ja noch gar keine Medikation bekommen (dieser Beruhigungsschnaps) und so erlebte ich alles mit. Ich wurde verkabelt, die Beinstützen wurden an die Opliege geschraubt. Dann kam die Narkoseärztin und wenig später gab mir ein Pfleger ein Beruhigungsmedikament und ich wurde müde. Alles wurde schwer, meine Augen konnte ich nicht mehr offenhalten. Und doch wehrte ich mich, bis die Narkose gesetzt wurde…
Als ich wach wurde, war ein Pfleger in der Nähe, er fragte wie es mir geht und ich sagte gut. Nach einiger Zeit wurde ich wieder auf mein Zimmer gefahren. Ich war zu dieser Zeit hellwach. Die Schwestern meinten, ich würde eh gleich wieder einschlafen, aber da täuschten sie sich, denn ich lag die ganze Nacht wach und begriff allmählich, was hier geschehen ist. 

(Nach der Op)
Am nächsten Morgen sollte ich auf die Toilette gehen und ich hatte solche Angst davor, wie würde es sich anfühlen ? Doch damit war ich alleine … Nach einigen Anläufen schaffte ich es. Ich aß mein Frühstück und blickte dabei aus dem Fenster. Gegen 11 Uhr wurde ich endlich entlassen, ich rief meinen Mann an, der mich dann abholen kam.
Ich ging aus diesem Krankenhaus, fühlte mich so leer wie noch nie in meinem Leben, weinte innerlich und schrie, aber niemand hörte es. Mein Baby war noch dort, dort wo es als Gewebe behandelt würde, dort wo Menschen, selbst das kleinste Leben nicht zu schätzen wissen. Ich wollte es wiederhaben, ich wollte meinen Engel nicht dort lassen, aber ich musste …

Von einer Minute zur anderen ist man nicht mehr die glücklich werdene Mama, sondern eine traurige Mama. Auch wenn die Schwangerschaft erst begann, so war sie für mich so wundervoll. Mein Leben war voller Freude, Liebe und Glück. Ich liebte das kleine Wesen in meinem Bauch, auch wenn es nur so groß wie eine Bohne war, so lebte es, denn wo ein HERZ schlägt, dort ist auch LEBEN !

Nur langsam lernte ich mit meinem Verlust zu leben, ich weinte viel, ich war verzweifelt und konnte es lange Zeit nicht glauben. Aber ich lernte auch, das ich eine Sternenmama bin, auch wenn mein Stern noch so klein war.
Alle Sternenmamas teilen das gleiche Schicksal, wir haben alle das verloren, was wir mehr als alles andere geliebt haben !
Jede Sternenmama hat ihr Baby, ihr Kind, geliebt und niemand von uns wollte es hergeben …